Die NASA-Mission Artemis II wird Geschichte schreiben – und vier Astronauten bekommen eine Erfahrung, die seit 1972 kein Mensch mehr gemacht hat.
Mein iPhone-Hintergrund zeigt die Erde als blaue Kugel vor der Schwärze des Alls. Oder zumindest den Ausschnitt, auf dem ich meistens unterwegs bin, also Mitteleuropa. Solche Ansichten kennen wir aus Filmen und Dokus. Ist irgendwie nichts Besonderes mehr, wir nehmen’s als selbstverständlich hin, wischen drüber weg, um irgendeine App zu öffnen. Dabei ist es eigentlich ein krasses Privileg, unsere Erde so zu sehen.
Nur 24 Menschen haben das mit eigenen Augen gesehen: live, schwebend und weit genug weg, um den ganzen Planeten auf einmal erfassen zu können. Alle anderen – über 100 Milliarden Menschen, die jemals gelebt haben, plus die acht Milliarden heute – blieben und bleiben eben erdgebunden.
Selbst ISS-Astronauten, die ständig da oben sind, blicken nie auf die komplette Erde. Aus 400 Kilometern Höhe ist sie immer noch zu nah. Den ganzen Planeten auf einmal sehen – das konnten ausschließlich die Apollo-Jungs, die zwischen 1968 und 1972 zum Mond geflogen sind. Nur die waren weit genug weg. Und diesmal sind es nicht nur wieder „Jungs“: Mit Christina Koch ist zum ersten Mal eine Frau auf dem Weg zum Mond (außerdem, mit Victor Glover, erstmals ein schwarzer Astronaut).
Artemis II: Die nächsten vier, die die ganze Erde sehen
Frühester Starttermin ist im März 2026. Dann schickt die NASA vier Astronauten mit der Orion-Kapsel Richtung Mond. Zehn Tage lang, einmal rum um den Mond und zurück.
Die Artemis II-Crew besteht aus:
- Reid Wiseman (NASA) – Kommandant
- Victor Glover (NASA) – Pilot (wird der erste Schwarze Mensch sein, der zum Mond fliegt)
- Christina Koch (NASA) – Missionsspezialistin (erste Frau auf dem Weg zum Mond)
- Jeremy Hansen (Canadian Space Agency) – Missionsspezialist

Artemis II-Crew (Bildnachweis: NASA)
Diese vier sind die ersten Menschen seit Eugene Cernan und Harrison Schmitt (Apollo 17, Dezember 1972), die unseren Planeten aus der Ferne betrachten dürfen.
Über Artemis II
Artemis II landet nicht. Die Crew fliegt in einer sogenannten „Freiflug-Trajektorie“ um den Mond – ähnlich wie Apollo 8 im Jahr 1968. Bei dieser Mission hat William Anders das legendäre „Earthrise-Foto” geschossen und völlig aus dem Häuschen gerufen:
Oh my God, look at that picture over there! There’s the Earth comin’ up. Wow, is that pretty!
Für Artemis II sind etwa 10 Tage geplant. Nach dem Start testet die Crew zunächst in einer hochelliptischen Erdumlaufbahn alle Systeme, dann geht es zum Mond. Sie kommen bis auf etwa 7.400 Kilometer an die Oberfläche heran, fliegen drum herum und nutzen dann die Schwerkraft des Erdtrabanten als Katapult zurück zur Erde.
Noch was Verrücktes: Je nachdem, wann genau sie starten, könnte die Artemis II-Crew weiter von der Erde entfernt sein als jede bemannte Mission zuvor – womit sie den Apollo 13-Rekord brechen würden.

Das ist der Plan für die Reise von Artemis II. (Bildnachweis: NASA)
Warum’s so lange gedauert hat
53 Jahre. Mehr als ein halbes Jahrhundert. Eine komplette Generation ist groß geworden, ohne dass Menschen zum Mond geflogen sind. Warum? Naja, die Gründe sind kompliziert: Politik hatte andere Prioritäten, Geld wurde gekürzt, das Space Shuttle-Programm hat Unmengen an Ressourcen verschlungen und ist spektakulär gescheitert.
Aber jetzt geht’s wieder los – und diesmal nicht nur für’n Kurztrip. Artemis III soll 2027 die erste Mondlandung seit 1972 hinlegen, am lunaren Südpol, wo es vermutlich gefrorenes Wasser gibt. Danach will die NASA dauerhaft am Mond bleiben – mit der Lunar Gateway Raumstation. Artemis III selbst baut dort keine Mondbasis – geplant ist eine etwa einwöchige Oberflächen-Expedition. Die beiden Astronaut:innen sollen rund 6,5 Tage auf dem Mond verbringen, bevor sie wieder in den Orbit aufsteigen.
Die aktuelle US-Regierung hat Weltraumforschung zur Priorität gemacht. Aber ehrlich – mir ist’s ziemlich egal, wie man politisch drauf ist, ob man die Leute im Weißen Haus gut findet oder nicht. Weltraumforschung steht über diesem ganzen politischen Klein-Klein. Das gehört uns allen.
Wer denkt denn heute beim Anblick der Apollo-Bilder noch daran, wer damals Präsident war? Keiner fragt nach Richard Nixon, wenn wir „Earthrise” sehen. Bei „The Blue Marble” genauso. Manche Sachen sind einfach größer als das.
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Warum wir über Artemis berichten
Natürlich stoßen Weltraummissionen CO₂ aus, und Weltraumtourismus für Superreiche ist eine absurde Verschwendung – keine Frage. Aber NASA-Missionen wie Artemis haben einen anderen Wert: Sie lenken unseren Blick zurück auf unseren Heimatplaneten, auf seine Einzigartigkeit und Verletzlichkeit. Das „Earthrise“-Foto von 1968 hat die moderne Umweltbewegung mitbegründet – weil es uns zum ersten Mal zeigte, wie zerbrechlich diese blaue Murmel im All ist. Wenn vier Menschen 2026 wieder diesen Blick erleben, erinnert uns das daran: Wir haben nur diesen einen Planeten.
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